Der Caritasverband für das Erzbistum Berlin und seine Geschichte  

Mehr als ein Jahrhundert Caritasgeschichte

Niemand kam, um hier Ruhm zu ernten

In seiner wunderbaren Chronik "100 Jahre Caritasverband für Berlin" schreibt Dieter Hanky: "Die Geschichte der Caritas ist eine spannende Geschichte, nicht ohne Irrungen und Wirren, eingebettet in eine ebenso wechselvolle Zeitgeschichte. Ob es nun die Ordensschwestern waren, die Schwestern vom Guten Hirten, die Barmherzigen Schwestern von Nancy oder andere, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts nach Berlin kamen, ob es die Brüder und später Schwestern der Vinzenzkonferenzen waren oder die Frauen von den Mädchenschutzvereinen und andere: Niemand kam, um hier Ruhm zu ernten, sondern alle kamen in Sorge um Kinder, Kranke, Mädchen und junge Frauen, vergeblich um Arbeit bemühte Männer oder in Unordnung geratene Familien. Sie kamen, noch bevor der Moloch Stadt in den Ruf geriet, heillos zu sein und die Menschen zu kriminalisieren. Sie kamen, weil die Liebe Christi sie drängte."

Am 11. März 1901 wurde der "Charitasverband für Berlin und Vororte" gegründet, am 31. Mai 1917 der Delegatur-Caritasverband für die Mark Brandenburg und Pommern im Bereich der Diözese Breslau, der Rechtsvorgänger des heutigen Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin.

Für die Caritasarbeit, vor allem für die der Gemeinden, wechselten die Zeiten. Der völlige Zusammenbruch der gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und vielerorts auch kirchlichen Strukturen stellte diese vor völlig neue, von ihnen auch nicht mehr zu leistende Aufgaben. Caritas blieb lange eine Priorität der Gemeindearbeit, sie diente insbesondere der Abwehr der aktuellen, gerade vor der Tür stehenden Not. Die Bereiche der „Offenen Sozialarbeit“, wie wir sie heute haben, mit den Allgemeinen Sozialen Beratungsstellen, den Hilfs- und Beratungsdiensten u.a. im Bereich der Sucht- und Schuldnerberatung, der Jugend- und Familienhilfe und der Migrations- und Wohnungslosenhilfe, der Schwangerschaftsberatung machen deutlich, dass die einzelnen Gemeinden mit diesen Aufgaben auch aus Mangel an fachlichem Know-how in der Regel überfordert wären. Daher gaben sie auch im Laufe der Zeit viele Aufgaben an den Verband ab.

Der Caritasverband ist einerseits die vom Bischof anerkannte institutionelle Zusammenfassung und Vertretung der katholischen Caritas, andererseits ist er Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege. Das heißt, die Caritas tut ihren Dienst nicht allein, sondern im Verbund mit anderen sozialen Organisationen der "freien" Wohlfahrtspflege und gemeinsam mit der "öffentlichen", d.h. staatlichen oder kommunalen Wohlfahrtspflege. Dieses Miteinander von freier und öffentlicher Wohlfahrtspflege in Deutschland ist einmalig auf der Welt. Es setzt das "Sozialstaatsprinzip" des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland in politische und gesellschaftliche Wirklichkeit um. Dieses Sozialstaatsprinzip ist eine wesentliche gesellschaftspolitische Entscheidung über Grundwerte. Es hat die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit zum Ziel – Voraussetzung für die Würde des Menschen und seine rechtsstaatliche Freiheit. Der Staat hat dem einzelnen Hilfe sowie einen sozialen Ausgleich für benachteiligte Gruppen und Einzelpersonen zu gewähren.

Mit der ab 1989 wiedergewonnenen deutschen Einheit gehörte endlich auch formal wieder zusammen, was trotz der 40-jährigen Teilung Deutschlands immer zusammen gehörte: die Caritas-Arbeit. Sie ist Ausdruck der im Leitbild des Deutschen Caritasverbandes formulierten Aufgaben und Ziele, Herausforderungen und Perspektiven der Caritas. Caritas bedeutet: gelebte Nächstenliebe und mitmenschliche Verantwortung; bedeutet, die offene und verborgene Not der Menschen wahrzunehmen; bedeutet, neue Entwicklungen von Not wachsam und sensibel aufzuspüren; bedeutet, wirksame Hilfen zu entwickeln, die den einzelnen darin unterstützen, in seinem bedrängten Leben neue Perspektiven zu finden; bedeutet, Stummen zur Stimme zu verhelfen und öffentlich für sie einzutreten; bedeutet, die Ursachen von Not aufzudecken und ihnen durch politisches Handeln entgegenzuwirken. Was für die Caritas in der nun über hundertjährigen Geschichte immer zählte und genauso auch heute zählt, ist der Mensch. Auf den Werbe- und Informationsbroschüren des Verbandes steht daher mit Recht das Leitwort: "Not sehen und handeln. Caritas"